William Röttger – Ein Nachruf

William

William war einer dieser Menschen, die einen eigenen Kopf haben, und keine Angst mit demselben anzuecken.
Er kam aus dem westfälischen Dorf Lippborg und rieb sich dort schon früh mit den örtlichen Autoritäten, dem Pfarrer, den Schullehrern, dem Fußballtrainer und der allgemeinen Enge in den Köpfen. Seit den späten 60er Jahren war er politisch aktiv, kämpfte in der Hippieära für eine coolere und freiere Welt.
In den 70ern war als Fotograf und Gastautor im Frankfurter „Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“, im Münchener „Blatt“ und später in der „TAZ“ einer der Leute, die die alternative Presse in Deutschland mit aus der Taufe hoben. Ganz ein Mann der Alternativkultur. Aber auch dort, wie überall, ging ihm Konformitätsdruck schnell auf den Senkel. Er ließ sich auch von den Mitstreitern nicht gerne ins Glied zurückpfeifen. Individuelle Freiheit war ihm sehr wichtig.
Seine große Leidenschaft war die Musik, besonders die neue.
Auf seinen vortrefflichen und stets der Zukunft zugewandten Musikgeschmack ließ Will, nichts kommen. In den 60ern hörte er die Doors und die Stooges und auch James Brown und die Temptations. In den 70gern dann eine damals ziemlich ungewöhnliche Mischung von Disco, Punk und Reggae.
In den frühen 80ern wurde er ein Promoter der gerade beginnenden neuen deutschen Welle, schoss Fotos bei den Konzerten der upcoming Bands, Gruppen wie Abwärts, der Plan, Charge, Spizz Energy, Pere Ubu, Tuxedomoon oder Lydia Lunch. Noch in Münster lebend vermittelte Will Konzerte von DAF , Fad Gadget, Hans A Plast und das erste Konzert der Einstürzenden Neubauten außerhalb Berlins.

Weil William immer einen non-konventionellen Blick auf die Musik hatte, war er auch einer der ersten Leute, die die originäre musikalische Qualität eines DJ Mix erkannten. Ich erinnere mich an eine Diskussion zwischen Will und ein paar Hippies, die ich zufällig als Kind Mitte der 70er mitanhörte. William und seine Hippiefreunde wollten zusammen eine Party machen. Die Hippies überlegten, welche Band spielen sollte. Will plädierte für einen DJ.
-Das sei doch nur Retortenmusik, meinten die Hippies.
„ Ja, das stimmt“, sagte William.
„Aber ich stehe eben auf dieser Retortenmusik.“
Vielleicht hatte mich William schon damals auf die Idee gebracht eines Tages DJ zu werden, auf jeden Fall hätte es DJ Westbam ohne ihn nicht gegeben.
Mit seiner Musikbegeisterung hatte mich William schon früh angesteckt. Er schenkte mir 1980 einen Korg MS 10 Synthesizer und spielte mir Tapes der John Peel Sendungen vor und die Musik von DAF und Fad Gadget, ich war da gerade fünfzehn Jahre alt.
William besorgte mir meinen ersten DJ Job 83 im Odeon, lancierte die ersten Meldungen über mich im Stadtmagazin Tip und holte mich ins Berliner Metropol. Er versuchte meine ersten Demos an den Mann zu bringen und als er sah, dass es die Infrastruktur für unsere komische „DJ Musik“ noch nicht gab, gründeten wir zusammen Low Spirit, das erste Label in Deutschland für die noch neue Schule.
Dabei war „Geldverdienen“ für William immer unwichtig und so geschah es eher zufällig, dass er mit unserem Poperfolg Mitte der 90er zu einem Vermögen kam. Seine große Aufmerksamkeit galt aber weiterhin mehr den neuen und teilweise obskuren Acts und je erfolgreicher sie wurden, desto schwerer schien es ihm zu fallen noch dieselbe Begeisterung für sie zu empfinden. Sein Blick ging schon in eine neue Richtung.
Wie Avant-Garde dieser William tatsächlich war, lässt sich am besten an der einzigen Platte zeigen, die er jemals als Künstler herausbrachte.
Mr President, Sir.: „My Baby“
Sie kam 1989 auf Low Spirit raus und würde noch heute, ein Vierteljahrhundert später, einem Superlabel wie Kompakt zur Ehre gereichen. Ich habe darüber immer Scherze gemacht, sagte immer, „William, du bist deiner Zeit zu weit voraus. Deine nächste Single darf frühestens 2015 erscheinen.“ Ich glaube, ich sagte wirklich 2015, vielleicht aber auch 2025.
Sein Hauptbetätigungsfeld war das Machen im Hintergrund, bei Low Spirit, bei Mayday, dessen Mitgründer er war und auch bei der Love Parade. Die viel gerühmten frühen Love Parades auf dem Ku`damm wurden aus Williams Wohnzimmer heraus organisiert.
Und als schließlich eine Million Leute zu einer großen Musikdemonstration über die Straße des 17ten Juni paradierten, da waren viele von Williams alten Hippiemitsteitern bestimmt säuerlich über „das Unpolitische“, der Jugend von heute. Will freute es aber sehr.

Mitte der Nuller Jahre war Williams Leidenschaft für Techno abgeflaut, das ganze Musikgeschäft langweilte ihn. Das DJ Business, dessen früher Visionär er wie kaum ein anderer war, hielt er für billig und heruntergekommen. Seine Musikliebe war wieder woanders. Wenn er mir was vorspielte, war es meistens obskure schwarze Musik, Underground Hip Hop, oder auch mal ein cooler Hit von 50 Cent.

Nach dem Ende von Low Spirit 2006 flog er häufig nach Mexico und versuchte einem Indianerstamm, den er dort kenne gelernt hatte, beim Aufbau einer lebenswürdigen Infrastruktur zu helfen. Er entdeckte in Chiapas eine indianische Künstlerin, über die er ein Buch machen wollte und eine Gruppe von Mennoniten, die im Urwald siedelten. Er plante, sie nach Mecklenburg Vorpommern umzusiedeln. Was dieser William immer für Projekte hatte! Zuletzt eröffnete er im Erdgeschoß des Hauses, in dem früher das Low Spirit Büro gewesen war die „Eclectic Window Gallery“ für neue, strange Kunst.
William gehörte zu den Machern und Managern, die die Grundlagen schaffen. Leute wie Malcom McLaren, Alfred Hilsberg, oder auch Larry Sherman. Solche Leute werden von ihrer Umwelt nicht selten misstrauisch beäugt und manchmal sogar beschimpft. William kümmerte das nie. Er war wegen irgendwelcher Anfeindungen nie besonders verstimmt, böse oder rachsüchtig. Ich kenne wenige, die so viel geschafft und so wenig auf Applaus gesetzt haben wie er. Er hätte diesen Nachruf wahrscheinlich für völlig überflüssig gehalten. Er, der Dinge nur deshalb tat, nur weil er an sie glaubte und weil es ihm Freude bereitete.

Ich ziehe meinen Hut vor William Röttger.

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